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Gütersloh zwischen 1945 und 1969

28 MÄRZ 2014



Gütersloh hat nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges eine besondere Entwicklung genommen. Schon davor hatte die aufstrebende Mittelstadt sich von Städten vergleichbarer Größenordnung gelöst und sich wirtschaftlich stark entwickelt. Eine Fülle von Aufgaben war von Gütersloh zu bewältigen: Zerstörte Wohnungen mussten wieder neu errichtet werden, nicht nur die Gütersloher Bevölkerung war auf den Wohnraum angewiesen, Gütersloh hatte auch für die Versorgung der vielen Flüchtlinge zu sorgen, die sich in großer Zahl in Westdeutschland ansiedelten. Auch die rasant steigende Zahl der Autos, die mit zunehmendem Wohlstand die Gütersloher Straßen belebten, machten einen neuen Straßenbau erforderlich, der die vorher nicht bekannten Verkehrsmengen aufnehmen musste. Diese besondere Entwicklungen der Nachkriegszeit 1945 – 1969 werden jetzt in einem Buch beschrieben, das am 16. April im Flöttmann Verlag herausge­geben wird und im Buchhandel erhältlich sein wird: Grundlage des Buches ist eine Dissertation, die 2012 fertig gestellt worden ist. Mit einer Fülle von Fotos und Dokumenten wird der Weg beschrieben, den Gütersloh begangen hat. GT-INFO-Chefredakteur Markus Corsmeyer traf sich mit Dr. Michael Zirbel zum Stadtgespräch.


Gütersloh ging einen sehr eigenen Weg

Der Titel ihres neuen Buches lautet „Gütersloh zwischen 1945 und 1969“. Welche Kernaussagen hat ihre Arbeit?
In den großen Städten wie Köln, Münster oder Dortmund sind während des Wiederaufbaus teils auch sehr kontroverse Diskussionen geführt worden. Münster beispielsweise hat sich dazu entschieden, die historische Substanz in vereinfachter Form wieder aufzubauen. Dortmund dagegen verfolgte eher das Ziel eines vollständigen Neuanfangs und räumte dem Verkehr Vorrang ein. Die mittleren und kleineren Städte hingegen hatten gar nicht das planerische Potenzial, solche Diskussionen zu führen. Hinzu kam ein geringes Bewusstsein für eine eigene Identität, das bei Städten mit großer Vergangenheit wie Köln, Osnabrück oder Darmstadt viel deutlicher ausgeprägt war. Welchen Weg die mittleren Städte genommen haben, war bisher wenig dokumentiert und hier setzt die Arbeit an: Wie haben die kleinen und mittleren Städte ihren Wiederaufbau gestaltet? Gütersloh wurde als ty­pisches Beispiel einer Mittelstadt gewählt. Eindeutiges Ergebnis der Untersuchung: Gütersloh ging einen sehr eigenen Weg.


Welche Entwicklung hat Gütersloh nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges genommen?
Im Anschluss an die ersten Nachkriegsjahre ging es nach Währungsreform und Gründung der Bundesrepublik steil bergauf. Und Gütersloh hat von dieser Entwicklung in großem Maße profitiert. Schon vor 1945 nahm Gütersloh im Ranking vergleichbarer Städte immer einen der vordersten Plätze ein. Gütersloh hatte die höchste Gewerbesteuerkraft und den geringsten Zuschussbedarf für soziale Leistungen. Gütersloh war eindeutig das wirtschaftliche Zentrum im damaligen Kreis Wiedenbrück. Dies war übrigens auch der Grund, warum Anfang der 1950er-Jahre die Auslösung aus dem Kreis betrieben wurde. Gütersloh wollte eine selbstständige Kommune sein und begründete dies mit der evangelischen Synode, dem Bertelsmann-Verlag und dem Sitz zahlreicher zentraler Einrichtungen wie Landeszentralbank, Zollamt oder Amtsgericht. Der damalige Bürgermeister Thöne sprach 1945 von einem ruhigen und arbeitsfreudigen Menschenschlag, bei dem das christliche Element stets dominiert habe und begründete damit den besonderen Arbeitseifer der Gütersloher.

Von großen städtebaulichen Sünden verschont geblieben

Die Stadt Gütersloh folgte in ihrer Stadtentwicklung einem so genannten „situativen“ Prinzip: Was bedeutet das?
Es gab in den Anfangsjahren des Wiederaufbaus Leitbilder wie das der verkehrsgerechten Stadt oder des Wohnens im Grünen, denen viele Städte sehr konsequent folgten. Ergebnis waren häufig großflächige Abrisse von Gebieten, die den Bombenhagel überstanden hatten, um Flächen für den Verkehr zu schaffen. Hannover ist hier ein bekanntes Beispiel. Der Effekt war, dass diese Leitbilder über viele Jahre hinweg galten, kaum hinterfragt wurden und die Städte nachhaltig prägten. Selbst dann noch, als die planerischen Diskussionen längst darüber hinaus gegangen waren. Gütersloh – und ich vermute viele andere mittlere Städte auch – folgten einem anderen Prinzip. Sie reagierten immer unmittelbar auf die anstehenden Aufgaben – eben aus der konkreten Situation heraus. Gegenstand der Entwicklung waren also immer konkrete, unmittelbar notwendige Projekte: der Bau einzelner Siedlungen, der Ausbau alter Straßen, der Bau neuer Straßen oder die Ausweisung von Gewerbegebieten. Die herrschenden Leitbilder wie das der autogerechten Stadt bildeten dabei lediglich Orientierungspunkte.

Welches städtebauliche Leitbild der Stadtentwicklung hat sich die Stadt Gütersloh in diesen Jahren zugrunde gelegt?
Die Stadtentwicklung von Gütersloh orientierte sich an den als notwendig erkannten Aufgaben. Es wurden also nicht einfach vorhandene Leitbilder übernommen. Ein Fehler, den viele Städte – auch viele der kleineren Kommunen – gemacht haben: Diese müssen nun mit überdimensionierten Hochstraßen oder mit einem Wohnungsbau leben, der heute zu sozialen Konflikten Anlass gibt. Gütersloh folgte in quasi schöpferischer Nachbildung der vorhandenen Leitbilder den anerkannten Prinzipien der Stadtentwicklung. Man verband dies mit einem eigenen – situativen – Prinzip des Handelns. Ein eigentlich sehr eleganter Weg, da sich immer nur das als Aufgabe stellt, was unmittelbar ansteht. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum Gütersloh von den ganz großen städtebaulichen Sünden verschont blieb. Der Ausbau der B 61 oder der Friedrich-Ebert-Straße waren schlicht dem zunehmenden Verkehr gewidmet. Hochstraßen oder Straßen, die sich in ganze Stadtteile frästen, sucht man hier vergebens – glücklicherweise. Dieses Zusammenspiel von Orientierung an städtebaulichen Leitbildern und dem eigenen situativen Prinzip bildete eine außerordentlich stabile Basis für die Stadtentwicklung von Gütersloh. Zentraler und geschickter Akteur

In der Veröffentlichung wird auch dargestellt, wie geschickt die Stadtväter mit notwendigen Grundstückskäufen umgingen. Können Sie dafür an dieser Stelle Beispiele nennen?
Ja, ein herausragendes Ereignis ist die Ansiedlung des Kaufhauses Hertie, heute Karstadt. Es ist nur eines von vielen Beispielen, wie geschickt die damaligen Verantwortlichen ihre berechtigten eigenen Interessen mit denen der wirtschaftlichen Entwicklung verbanden. Hertie war eines der ersten großen innerstädtischen Projekte von Gütersloh. Das Kaufhaus überformte endgültig die alten Strukturen an der Berliner Straße. Zu Realisierung mussten die alten Grundstücksgrenzen neu geordnet werden. Die Folge waren zahlreiche komplizierte Verkäufe von Grundstücken, Wiederverkäufen und Rückkäufen. Dabei war die Stadt Gütersloh ein zentraler und geschickter Akteur. Sie kaufte Grundstücke und veräußerte sie an Hertie oder übereignete sie im Tauschwege und hatte dabei immer auch ihre eigenen Interessen im Auge. So musste Hertie Flächen für die Verbreiterung der Berliner Straße zur Verfügung zu stellen und ein Parkhaus an der Münsterstraße bauen. Allerdings – das bedauern wir bis heute – übernahm Gütersloh auch die Verpflichtung, das alte Rathaus abzureißen und den vor Hertie liegenden Platz zu gestalten.

Interessante Kontroversen lieferten sich die Ratsmitglieder auch beim Bau des zweiten Gebäudes des Rathauses. Worum ging es?
Der Bau des zweiten Rathausgebäudes ist eines der interessanten Kapitel der Gütersloher Kommunalpolitik. Der Bau des ersten Gebäudes war noch relativ unspektakulär über die Bühne gegangen. Die schnell wachsende Verwaltung machte aber 1964 den Bau eines weiteren Gebäudes notwendig. Bis dahin war die Verwaltung auf fünf Gebäude in der Innenstadt verteilt. Die Notwendigkeit eines Neubaus wurde überhaupt nicht diskutiert. Dabei ging es immerhin um ein Bauvolumen von mehr als 10 Millionen Mark, aber in den wirtschaftlich starken Zeiten waren solche Summen für den städtischen Haushalt kein Problem. Bei der Kontroverse im Rat ging um etwas anderes: Man stritt sich schlichtweg über die Erforderlichkeit eines Ratskellers, dem im zweiten Untergeschoss sogar noch eine sogenannte Grillstube angeschlossen werden sollte. Die einen argumentierten mit gesunder Gastronomie in einer aufstrebenden Stadt, die anderen verwiesen auf wichtigere Aufgaben, man polemisierte über unterirdische Geselligkeit und einer Gastronomie für Leute mit dickem Portemonnaie. Auch in den Tageszeitungen wurde heftig darüber diskutiert, bis die „Glocke“ erschöpft die Diskussion abschloss, man wolle das „Thema nicht totreiten“. Das Rathaus wurde dann ohne Ratskeller im Oktober 1971 in Betrieb genommen. Übrigens erklang als erste Melodie des Glockenspiels „Freude schöner Götterfunke“.

In den untersuchten Jahren sei auch ein hohes Maß an politischer Übereinstimmung erkennbar gewesen, die wesentlich zur Realisierung der großen Gütersloher Aufgaben beigetragen habe, so eine der Aussagen Ihres Buches. Können Sie das unseren Lesern erläutern?
Es ist eigentlich ganz einfach: In der Politik ist in all den Jahren ein breiter Konsens zu erkennen, wenn es um die Ziele der Stadtentwicklung ging. Beim gerade erwähnten Rathaus wird das deutlich: Nicht die Notwendigkeit des Rathauses stand im Vordergrund, also nicht die Entscheidung über eine Investition von mehr als 10 Millionen Mark. Es waren nur nachrangige Details, die die politischen Kontroversen begründeten, Ratskeller oder Montagewände. Diese Übereinstimmung galt für alle notwendigen Projekte des Wiederaufbaus. Es gab überhaupt keine Diskussionen über neue Baugebiete. Der Rat handelte in der richtigen Überzeugung, dass Wohnungen gebraucht wurden und dies war Rechtfertigung genug. Unumschränkt galt dies auch für den Straßenbau. In jenen autoverliebten Zeiten war alles gut, was dem Automobilverkehr diente. Der Konsens galt natürlich auch für die Bürgerschaft, die vom Wohnungsbau oder Straßenbau im selben Maße überzeugt war. Auch dies ein Grund für das Fehlen von Konflikten.

Nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich hob Gütersloh sich von den Städten der Region und auch anderer Städte vergleichbarer Größenordnung wie Leverkusen, Herten oder Paderborn ab. War die Stellung von Gütersloh in der Region für die städtebauliche Entwicklung bedeutend?
Auf die wirtschaftliche Bedeutung habe ich ja schon hingewiesen. Gütersloh ist wie die gesamte Region Produkt einer langen Geschichte. Westfalen war über drei Jahrhunderte lang in 30 teils winzige Territorien gegliedert, die sogar eine eigene Währung hatten. Die Glaubensspaltung der Region in einen protestantischen und katholischen Teil führte zur weiteren Trennung und verhinderte über lange Jahre die Bildung einer regionalen Identität. Der kulturelle Austausch innerhalb der Region war praktisch unterbunden. Das führte zu einer eher auf sich selbst bezogenen Stadtentwicklung. Das kann durchaus danebengehen. Gütersloh aber öffnete sich schon früh im 19. Jahrhundert der wirtschaftlichen Entwicklung und forderte den Anschluss an die Bahnstrecke Köln-Minden. Damit begann der wirtschaftliche Aufstieg.

Genossen die Ziele der Stadtentwicklung auch in der Gütersloher Bürgerschaft eine hohe Akzeptanz? Wurde der massive Abbruch von Gebäuden in der Innenstadt bedauert?
Die politischen Übereinstimmungen galten auch für die Bürgerschaft. Die Innenstadt wurde umgebaut und veränderte ihr Gesicht. Ganze Häuserzeilen an der Berliner Straße wurden abgerissen, um einer breiteren Straße Platz zu machen. Es finden sich keine Dokumente, in denen das bedauert wurde. Dies muss aber auch vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte gesehen werden. Die Innenstädte galten als verbaut und verwinkelt, die neuen Städte dagegen sollten aufgeräumt, sauber und voller Licht sein. Insofern wurde die Umgestaltung der Innenstadt begrüßt, war sie doch Dokument der wirtschaftlichen Entwicklung. Man war stolz auf Hertie und auf die „Hochhaus“-Rathäuser, aber damit mischte sich auch die Wehmut über den Verlust des Alten und der Abschied vom alten Heidedorf. Ein ständiger Wechsel zwischen der Trauer über die Verluste und die Freude auf die Großstadt war erkennbar.





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