30.07.2010: Seltene Grillenart findet auf Ausgleichsfläche ein neues Zuhause - Renaturierungsflächen in Niehorst bieten gefährdeten Tier- und Pflanzenarten ideale Lebensbedingungen

Winzig klein und krabbelig: Die Feldgrillenlarve unterwegs auf der Hand von Bernhard Walter.
Gütersloh(gpr). Lackschwarz, ein wenig ins Smaragdgrüne changierend, sehr zart und sehr filigran: So elegant kommt sie zum Fototermin, für alle Beteiligten eher überraschend, denn sie ist sehr scheu. Flink und für das Auge mit ihrem gut einen Zentimeter Größe kaum wahrzunehmen krabbelt die Feldgrillenlarve behände durch Gräser und Bodendecker auf dem Gelände am Mönkeweg in Gütersloh-Niehorst. Das Versteckspiel ist überlebensnotwendig: Die „Gryllus campestris“ – so ihr wissenschaftlicher Name, gehört inzwischen zu den äußerst seltenen, stark gefährdeten Grillenarten. An der Niehorster Heide ist sie nun in größerer Zahl wieder zu finden – auf einer rund 2,5 Hektar großen Ausgleichsfläche, die die Stadt Gütersloh 2008 erworben und vom Acker zu einem artenreichen Biotop umgestaltet hat.
Aus einer Ackerbrache ist in knapp zwei Jahren eine Naturfläche entstanden, die nun auf dem ursprünglichen lockeren Sandboden seltenen Pflanzen- und Tierarten ein Zuhause bietet. Der „Star“ unter Ihnen ist tatsächlich die Feldgrille, die ausgewachsen rund fünf Zentimeter misst. Bernhard Walter, Leiter der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld, hat bei der Umgestaltung des Niehorster Areals eng mit der Stadt zusammengearbeitet und mit seinen Mitarbeitern die Entwicklung der Population aufmerksam verfolgt. In einem Aufsatz für die aktuelle Ausgabe der Fach-Zeitschrift „Berichte des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld und Umgebung“ hat er das Vorkommen und die Bedeutung des scheuen Insekts ausführlich dokumentiert.
Danach zählt man auf den 2,5 Hektar inzwischen rund 250 so genannte „Balzhöhlen“ der Feldgrillen, die sich dem versierten Betrachter als winzige Sandaufschichtungen mit Eingangsloch präsentieren. Der Name ist Programm, denn vor der Balzhöhle kämpfen die Männchen um die Weibchen, bevor sich der Sieger mit Dame zwecks Vermehrung ins Dunkle zurückzieht. Die Paarungszeit reicht von Mai bis Juli und das recht markante Liebesgeflüster der Männchen kann in dieser Zeit vor allem in den späten Nachmittagsstunden als typisches Zirpen wahrgenommen werden. Die Larven schlüpfen im Sommer, im Gegensatz zu vielen anderen Arten gleich als winzige krabbelfähige Tierchen, die in ihren Höhlen dann überwintern. Ihr Vorhandensein zieht wiederum andere Tiere an, die auf der Liste der bedrohten Arten stehen. So ist laut Bernhard Walter inzwischen in Niehorst die seltene Heidelerche wieder nachgewiesen, auch die ebenso rare Turteltaube (es gibt sie tatsächlich und sie gurrt viel melodischer als das übliche Taubenvolk!) brütet hier. Für sie wiederum gehört – Kreislauf der Natur – die Feldgrille zum Nahrungsangebot.
Es ist der so genannte Sandmagerrasen, der diesen abwechslungsreichen Lebensraum bietet. Ähnlich gute Voraussetzungen finden die Feldgrillen in der Region nur noch auf dem Truppenübungsplatz in der Senne. Für Bernd Winkler, Leiter des städtischen Fachbereichs Grünflächen, und seinen Kollegen Helmut Barteldrees ist die Ansiedlung der seltenen Grillenart, die sich übrigens zu Fuß und nicht fliegend fortbewegt, ein Indiz für eine erfolgreiche Flächen-Renaturierung. Gerade die Zurückführung zur Natur von großen zusammenhängenden Flächen ist auch für Bernhard Walter ein wesentlicher Faktor, um Artenvielfalt zu fördern. Die Biologische Station hatte daher – unterstützt von der Umweltstiftung Gütersloh – schon 2006 ein fachliches Entwicklungskonzept für den Bereich der „Niehorster Heide“ entwickelt, das jetzt von der Stadt umgesetzt wurde.
Insgesamt weist die Stadt in diesem Bereich damit fast 20 Hektar Ausgleichsfläche aus – modellhaft, nicht nur für die Region. Die Wiederherrichtung der ursprünglichen Sandlandschaft ist eine Säule des städtischen Renaturierungsprogramms, die andere ist die naturgemäße Neugestaltung der Bachlandschaften, wie zum Beispiel an der Dalke im Bereich Pavenstädt geschehen.
www.gruenflaechen.guetersloh.de
www.biostation-gt-bi.de
(dort ist in Kürze ein kleiner Film zur Feldgrille zu sehen, der auf der Fläche in Niehorst entstand)
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